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Der Brunnen

 
Die Bewohner eines Dorfes holten ihr Wasser aus einem Tümpel.
Eines Tages sagten sie zu ihrem Ältesten, dem Dorfvorsteher: "Das Wasser des Teichs ist
abgestanden und trübe. Es schmeckt nicht mehr, wir brauchen einen Brunnen."
 
Der Alte baute einen Brunnen.
Die Leute schauten hinein und sagten: " Er ist tief. Unsere Arme werden nicht bis zum Wasser reichen."
 
Da brachte der Alte eine Winde mit einem Seil an.
Die Leute schauten hinein und sagten: "Der Brunnen hat keinen Boden. Er ist ein finsteres Loch."
 
Der Alte holte mit einem Eimer Wasser herauf und ließ es sie kosten.
Es war sehr gutes Wasser und erfrischte sie.
Doch sie fürchteten sich noch immer vor der Tiefe und hielten sich vom Brunnen fern.
 
Da spannte der Alte viele dünne bunte Fäden hoch über den Brunnen, auch kleine Glöckchen hingen daran.
Die Fäden glitzerten und schillerten in der Sonne und schienen Geschichten zu erzählen,
und der Wind brachte die Glöckchen mit immer neuen Melodien zum Klingen.
 
Jeder, der das sah und hörte, wurde fröhlich und näherte sich neugierig dem Brunnen.
Und während die Leute sich am Schillern und Klingen erfreuten, ließen sie langsam ihre Eimer hinab. 
 

 

Aus der Tiefe des Brunnens ragt der Weltenpfahl empor,
bedroht von Löwe, Stier und Chaosdrachen,
doch umwunden von der Schlange, die mit ihm am Pol das Lebensfeuer des Kosmos quirlt.
Pausenzeichen beim Schattentheater in Ostasien. (Foto im Besitz der Verf.)
 
  
Was erwartet uns in der Tiefe des Brunnens? Die Furcht hat ihren Grund.
Es reicht nicht, hinein zu springen und der Tiefe zu begegnen.
Es kommt auf unsere Absichten an und auf die Bereitschaft, ihr zu dienen.
Das ist die Geschichte von Goldmarie und Pechmarie – oder Frau Holle.

  

Der Weltenbecher und das All

Im 9. Buch von Firdausis Königsbuch besiegt Bezham, ein Held vom Hofe des Shahs, den wilden Eber. Bezham kehrt aber nicht sogleich an den Hof zurück, sondern lässt sich von seinem neidischen Begleiter überreden, sich mit der schönen Prinzessin von Turan zu vergnügen. Dabei wird er erwischt, zur Strafe an einen Marterblock geschmiedet und in einen Brunnen geworfen, der mit einem Fels abgedeckt ist. Die Königstochter wird ebenfalls verstoßen und erbettelt jeden Tag Brot, von dem sie Bezham das Beste durch einen Spalt an einem Seil herunterlässt.

Der Shah Kai Chosrau ergreift auf Bitten von Bezhams Vater den Weltenbecher, in dem er das ganze All sieht vom Widderzeichen bis zu den Fischen, den Himmel und Mond und Planeten und alles, was den Menschen verborgen ist. Im Weltenbecher entdeckt er Bezham im Brunnen und schickt zu dessen Befreiung den größten persischen Helden aus - den Prinzen Rostam. Dieser tarnt sich als Händler und lässt durch ein Mädchen Bezham ein gebratenes Huhn bringen, in dem er zuvor seinen Siegelring versteckt hat. So weiß Bezham, wer sein Retter ist. Schließlich schleudert Rostam den Felsen vom Brunnen und befreit Bezham, der dann viele Jahr glücklich lebt mit der Prinzessin von Turan.

Joseph - Schönheit und Schrecken

Im 1. Buch Mose wird die Geschichte von Joseph erzählt, dem Liebling seines Vaters Jakob: seine neidischen Brüder werfen ihn in einen leeren Brunnen hinab, holen ihn dann selbst wieder heraus und verkaufen ihn an eine Handelskarawane nach Ägypten, die ihn ihrerseits an den Kämmerer des Pharao verkauft, wo er aufsteigt zu dessen Hausverwalter. Die Frau des Kämmeres will Josef verführen wegen seiner Schönheit, doch er verweigert sich und sie schwärzt ihn bei Hofe an. Er kommt ins Gefängnis, deutet Träume und der Pharao erhebt ihn zum Verwalter seines Reiches. Als seine Brüder während einer Hungersnot bei ihm Getreide kaufen, erkennen sie ihn nicht. Im Getreidesack des jüngsten Bruders versteckt Joseph seinen silbernen Becher, dessen geplante Entdeckung schließlich zur  Wieder-Verbrüderung so wie zur Befreiung von Schuld und Strafe führt.

Joseph bedeutet „Gott möge vermehren“, „Gott fügt hinzu“ – die guten und die schlechten Zeiten, die das Herz läutern und die es dann zu meistern versteht. Das alles hat mit Historie nichts zu tun. Es ist eine Jahrhunderte lang in Worten gemalte Erzählung über die Reinheit des Herzens, auf dessen Grund wir fallen müssen um Schönheit, Weisheit und Reichtum unseres Lebens zu finden.

Doch dieser Blick nach innen war nur möglich durch den Blick 'in den Weltenbecher', nach oben ins Himmelszelt, denn der Mensch ist Teil einer kosmologischen Ordnung. Sternbilder von Ekliptik und Himmelsäquator, in deren Mitte der Pol liegt als Himmelstiefe und Himmelshöhe zugleich, klingen noch in orientalischen Überlieferungen an:
Als man Joseph hinab warf, fiel er auf den Hals eines Löwen, der sich bereits auf dem Grunde des Brunnens befand; unten im Brunnen war ein Loch, durch welches ihn eine Schlange versorgte und die Vögel fraßen von seinem Kopf.
 

 

Thoraschrein im Fußbodenmosaik der alten Synagoge von Beth-Alfa
(Nachzeichnung aus: Stierlin, Antike Synagogen)
 
Hier flankiert von Löwen, Vögeln und siebenarmigen Leuchtern.
Aus der Mitte des Brunnens ragt der Weltenpfahl als die Säule des Himmels,
um die sich hier keine Schlange windet, sondern die selbst vielfach spiralig gewunden ist. 
Darüber, am Pol, befindet sich das ewige Licht.

 

Der Thoraschrein ist hebräisch Arōn ha-Qodesch = „der heilige Schrein“.
Das war die tragbare heilige Lade (semitisch arōn) und diese ein leerer  Kasten.
Die Lade arōn verkörperte in den alten Stammeskulten den  kosmischen RAUM.
Dieser RAUM ist das ´Haus` der Gottheit, denn sie wohnt darin 
und er ist der ´Leib` der Gottheit, denn er bildet ihre ´Gestalt`.
In ihm geschieht das zyklische Sterben und Wiedergeborenwerden allen Lebens
aus dem Mutterleib der Natur.

Deshalb stellte die antike Göttinnenreligion den heiligen, kosmischen Raum
direkt als den Leib der Gottheit dar.

 
Diese Darstellung auf einer antiken Vase soll Artemis, die „Herrin der Tiere“, zeigen.
Tatsächlich zeigt sie den Brunnen selbst - die Gottheit, aus der alles Leben kommt.
 
„Die Herrin“ wird flankiert von Löwen, Vögeln, Stierkopf (li) und Stierschulter (re).
Über die Schulter des Stiers erfolgt der Aufstieg zum Pol,
zum ewigen Licht, dem „sehenden Herz“ der Gottheit.
Dort wird das Lebensfeuer gequirlt durch fortwährende Drehung,
welche hier durch linksläufige Swastiken dargestellt ist.
 
Im Brunnen der Tiefe wird das Licht der Welt gezeugt,
welches als der „heilige Fisch“ Ixthys aus der Wasserhälfte des Himmels
jährlich neu geboren wird in einem ständigen Kreislauf.
 
Wer die Vase von Oben anschaut, sieht die Geburt.
Für die Gottheit ist Oben und Unten eins
Der Brunnen ist Höhe und Höhle
Außen und Innen.
  
 
 „Was ist die Höhle, was ist in ihrer Tiefe?
Die Höhle ist das Herz des Dieners, in dem hintereinander mehrere Höhlen sind.
Aus dem Gefäß des Glaubens fließt der Segen stetig nach außen.
 ...
Meine Geliebten bereichere ich mit einem uralten Getränk.
Sein Geschmack ist süß wie die Quelle des Paradieses.
Wer davon kostet, ertrinkt in der Liebe.“
 
Aus einem Gedicht des sudanesischen Sufimeisters Shaikh Muhammad Uthman Abdu al Burhani (1902 - 1983),
Begründer des internationalen Sufiweges (Tariqa) Burhaniya-Disuqiya-Shadhuliya
 
 
Schon im babylonischen Gilgamesch-Epos wird berichtet von der Göttin Aruru,
die in ihrem Herzen ein Zikru erdachte
und so erstaunliche Dinge vollbrachte.
 
 
„Das Herz eines jeden Menschen, der Zikr macht, wird von Liebe erfüllt werden,
und ein solches Herz
wird wiederum Liebe und Güte für die ganze Menschheit ausstrahlen.
Ein solcher Mensch wird danach streben, Gutes zu tun,
sei es für die Menschen oder die Bewahrung der Erde.“
 
Maulana Shaik Ibrahim Muhammad Uthman Abdu al Burhani (gest. 2003)