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Synagogenfriese
in Kafernaum
 
li. Pentagramm
re. Hexagramm
 
(die Fotos erhielt ich 1983 zugesandt)
 
 
 
 
 
 
Z. A. Müller
 

Die Sterne des Joseph Beuys

 und wie ich zu seinem Pentagramm kam

 

Im Mai 1982 beschloss eine kleine Gruppe von Leuten in Wolfenbüttel die Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte (GRMNG). Die tatsächliche Vereinsgründung fand im Oktober in Münster statt. Der Verein mit dem unbequemen Namen hatte seinen Sitz in Bonn und war aus der Beschäftigung mit den Thesen Immanuel Velikovsky’s hervorgegangen.
 
Anfangs suchten die Vereinsmitglieder ein Logo, doch nachdem einige Mitglieder das Pentagramm vorge­schlagen und andere dies erfolgreich abgelehnt hatten, wurde die Idee fallengelassen.
 
Am 15. 10. 1982 veranstaltete die GRMNG e.V. zusammen mit dem ASTA der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) einen Vortrags- und Diskussionsabend unter dem Thema:
Venus, Saturn und der Mythos des Ewigimmergleichen“.
 
Das Interesse war groß, der Saal voll mit Studenten! Geworben hatten wir nur mit einem einfachen DIN A4-Faltblatt.

(Dessen Titelbild stammte von einem Plakat des Dreams-Theatre/ Calif.)

 
 
 
Im Anschluss an die Veranstaltung keimte die Idee, zum Pentagramm der Venus nicht nur astronomisches, sondern auch symbolkundliches Material zu sammeln. Deshalb gab ich Anfang 1983 eine Anzeige in der Wochenzeitung DIE ZEIT auf, in der ich dies Vorhaben kundtat und um Hinweise auf Funde und Vorkommen von Pentagrammen bat.
 
Auf meine Anzeige erhielt ich zahlreiche Zuschriften, die bis heute nicht in der ursprünglich beabsichtigten Form durch eine Veröffentlichung gewürdigt wurden – denn ein Hinweis änderte alles: Eine umfangreiche Pentagramm-Sammlung gab es bereits! Im Jahre 1980/81 hatte Otto Stöber im österreichischen Neydharting seine einzigartige Drudenfuß-Monographie herausgebracht, die nicht nur das Vorkommen des Pentagramms in der ganzen Welt seit dem Altertum dokumentierte, sondern auch noch als fünfeckiges Buch erschienen war (und leider mit einer limitierten Auflage schnell vergriffen).
 
Eine weitere Dokumentation war also nicht nötig; viel wichtiger schien es nun, den Fragen nachzugehen, die das Material aufwarf. Da dem Pentagramm über die Jahrhunderte vielfältige Bedeutungen zugeschrieben wurden, wollte ich wissen, was Menschen, die nichts über die astronomische Bedeutung des Pentagramms wussten, heute noch bewog, sich dieses Zeichens zu bedienen.
 
Unter den Zusendungen an mich befand sich ein Brief von Uwe Claus aus Kassel. Er schickte mir ein Informationsblatt über die Freie Internationale Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Forschung, mit der rückseitigen handschriftlichen Notiz, dass deren Stempel mit fünfzackigem Stern von Joseph Beuys „vor etwa 10 Jahren“ entworfen worden sei.
 
 
 
Also tippte ich am 9.6. 83 auf meiner alten Schreibmaschine einen Brief an Joseph Beuys, erläuterte kurz den Hintergrund der Sache und fragte, „ob es einen besonderen Grund für Sie gab, den Fünfzack zu verwenden, bzw. warum gerade dieser Stern?“
Ich fügte hinzu, dass ich u.a. herausfinden wolle, „warum dieses Zeichen so häufig anderen vorgezogen wird und was sich dabei wesentlich in uns abspielt. Wenn Sie also Lust haben, mir zu antworten….“
Der Meister hatte.
 
Bereits sechs Tage später erhielt ich im Briefumschlag, versehen mit Hochschulstempel und eigenhändig hinein gemaltem Pentagramm, seine Antwortkarte:
 
 
 
Vorn zeigt sie eine spektakuläre Beuys-Tat anlässlich der Kasseler Dokumenta 1982: Er hatte eine originalgetreue Kopie der Krone Iwan des Schrecklichen aufgekauft, die Juwelen mit der Nagelschere abgepult, die Krone auf 1100 Grad erhitzt und aus dem Gold vor Ort einen fast 2 Kg schweren "Friedens-Hasen" gegossen so wie als "Sonne" einen kleinen Goldball, den die Karte hier noch behaftet mit Gießresten zeigt. Es wurden also gleich zwei neue Reliquien geschaffen.
Deshalb geht der Blick von Joseph zum Hasen und vom Hasen als Goldstrahl zur Sonne, gehalten von Joseph mit der Zange. Eine kultische Dreiheit – klugerweise „ohne Titel“.
 
Hinten steht die Antwort auf meine Frage:
 
 
 
So erfuhr ich, dass Joseph Beuys im Pentagramm ein dynamisches Zeichen des Neuen Bundes und Christus sah und seine Hochschule - als neuer Heilsbringer? - mit dieser religiösen Vorstellung besiegelt hatte.
 
Vielleicht hatte er überhaupt nur geantwortet, weil er in meiner Neugier und diesem Haufen geschichtskritischer Leute ein Kreativitätspotential erahnte, ein Potential für Interdisziplinäre Forschung, welches „zu entdecken, zu erforschen und zu entwickeln“ war – eine Aufgabe, die sich an seiner Freien Internationalen Hochschule manifestieren sollte.
Tatsächlich wurde aus diesen Leuten die erste geschichts- und chronologiekritische Bewegung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
 
Den Künstler hätte das freuen dürfen, denn im Hochschulmanifest schrieb er: „Mit dem, was man Umweltverschmutzung nennt, geht eine Innenweltverschmutzung parallel“. Er meinte damit zwar nicht unser Geschichtsbild und seine Verbreitung in der Literatur und in Schulbüchern, aber er hätte durchaus verstanden, dass ein künstlich erzeugtes Bild von unserer Vergangenheit die gegenwärtige Innenwelt mit Vorstellungen verschmutzt, welche wiederum unser Denken und damit die Zukunft prägen.
 
„In der Schule sollen auch die zahlreichen Formen von Gewalt erforscht werden, die sich nicht auf Waffen- oder Brachialgewalt beschränken.“ Jene Art von Gewalt zu erforschen, die von heilsgeschichtlichen Konstruktionen und den dabei verwendeten Symbolen ausgeht, hätte in seiner Schule einen würdigen Platz gehabt; – wenn auch seine Vorstellungen von der Bedeutung des Pentagramms davon betroffen sein würden.
 
Leider konnte Beuys diese Entwicklung nicht mehr erleben; er starb im Januar 1986.
 
 
 
Im Jahr 1988 wurden beide Vereine aufgelöst: die Freie Internationale Hochschule (FIU Free International University) und die GRMNG e.V.
Der demokratische und kreative Grundgedanke der FIU lebt weiter in Mehr Demokratie e.V. und Omnibus für direkte Demokratie; der zentralen Kunst-Idee von Beuys widmet sich der FIU-Verlag
Die Arbeit der GRMNG fand 1989 ihre Fortsetzung mit der Gründung des Mantis-Verlags und der ersten deutschsprachigen Zeitschrift für Geschichts- und Chrono­logiekritik Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart, die seit 1995 Zeitensprünge heißt. Außerdem entstanden zahlreiche chronologiekritische Forschungen einzelner Personen, die ihre Arbeit in eigenen Internetseiten und Büchern veröffentlichen.
 

 Relikt aus der Basilika des hl. Titus in Gortys
Foto: ZAM
 
 
Marokkanische Münze