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Was ist und wie entsteht ein Symbol? 

 

Die Fragen

- Wann kann von einem „Symbol“ geredet werden, was ist das überhaupt?
- Was unterscheidet das Symbol vom Sinnbild?
- Wie spielt sich der Prozess der Symbolbildung ab und worin besteht er ?
- Was meint "symbolisieren"; wann und zu welchem Zwecke wird symbolisiert?

Ein Vergleich der Mythologie und Ikonographie des Altertums mit alten und neuen Symbol-Lexika zeigt, dass die Symbole schon seit Jahrhunderten immer dieselben sind und seit ziemlich langer Zeit nichts Nennenswertes dazugekommen ist. Wieso sind Symbole so langlebig? Wie werden sie durch Sprache und Bilder und deren Gebrauch tradiert, wieso werden gerade sie immer wieder tradiert und wieso entstehen kaum neue Symbole?

Eine auffällige Sternenkonstellation, ein erregendes Ereignis, ein für die ganze Gemeinschaft bedeutsamer Gegenstand, ein 'Jahrhundert-Bild' .... wird noch nicht zum Symbol. Symbole sind mehr als Zeichen und Bilder. Was also muss geschehen, damit sich ein Symbol bildet? Wie entsteht ein Symbol?

Es gibt verschiedene Symboltheorien, jedoch keine von ihnen konnte dies bisher erklären. 

 

Das Problem

Der Begriff symbolon ist bei vielen griechischen Schriftstellern der Antike zu finden. Das Wort bezeichnete damals "ein Zeichen von solcher Deutlichkeit, dass es den Irrtum so gut wie ausschloss". Weit davon entfernt, ist es im 19. Jh. "ein Wahrzeichen für etwas Höheres als es selber ist" [Engler]. Es kann ihm also nicht schaden, wenn wir es auf die Erde herunterholen.

In der Literatur wird häufig ein antikes Abschiedsritual zitiert als Beispiel für Symbol (von griechisch symballein = zusammenwerfen): Zwei Freunde bekommen als Zeichen ihrer Freundschaft jeder die Hälfte eines zerbrochenen Rings. Liegt in dieser Geste schon das Wesen aller Symbole vor uns?

Es gilt geradezu als ein Erkennungszeichen für Symbole, dass sie 'voll von gegensätzlichen Bezügen' sind, eine 'geballte Vereinigung der Gegensätze'. Und weil man nicht versteht, warum das so ist, reden die Autoren von "Urbildern der Seele" oder schein-wissenschaftlich vom "paläolithischen Gesetz von Sinn und Gegensinn" [Maier nach Arnold Wadler], das ohne Sinn endet: "Symbolisch wird stets das ausgedrückt, was man in Wirklichkeit nicht weiß" [C.G.Jung].

Symbole gelten als
- "bildhafter Ausdruck von der Seele präexistenten Formen des Unbewußten" [Creuzer],
- "Zeichen, die mit unbewußtem Inhalt gefüllt werden" [Maier]
-  in irgendeiner Weise "ererbt" [Jung, Freud u.a.],
- "immer wieder neu aus dem individuellen Material geschaffen" [Jones]
- "rein geistigen Ursprungs" [Burckhardt].
Oft wurden sie mit den Archetypen verwechselt oder gleichgesetzt.

Der Symbolforscher Julius Schwabe hielt am Konzept der seelischen Urbilder fest, doch für ihn waren dies "kosmische Symbole". Er ging davon aus, dass die Urbilder einst bewusst waren und mit bestimmten Aspekten der Außenwelt - insbesondere des Kosmos und des Sternenhimmels - identisch. Diese Aspekte zu erkennen, bezeichnete er als wichtigste Aufgabe der Symbolforschung.

Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Frage, wann und wie Aspekte der Außenwelt denn zu Symbolen geworden sein können. Doch wurde die Frage so nie gestellt, denn diese Suche nach dem historischen Anfang musste sinnlos erscheinen, solange man von einem stets gleichen Himmel ausging.
Symbole haben jedoch durchaus einen historischen Anfang und sind Ergebnis eines historischen Prozesses.

Die hier vorgestellte Theorie zur Entstehung von Symbolen besagt, dass unter einem stets gleichen Himmel zwar Sinnbilder, aber keine Symbole entstanden wären. Sie stützt sich darauf, dass unser Planetensystem mehrfach ins Chaos geriet und die Erde von kosmischen Katastrophen durch andere Himmelskörper betroffen war, zuletzt noch in historischer Zeit. Dabei nimmt der Planet Venus eine Schlüsselrolle ein.

Während die Katastrophenzeit zu starken Angstreaktionen und Spannungen führte, die sich in vielen neuen Ritualen zu entladen suchten, folgte ihr anschließend die emotional erlösende Erfahrung eines neuen Himmels und wachsender Kulturgüter. Aus der Gegensätzlichkeit der damit verbundenen Emotionen entstand eine neue Dynamik: Diese war Voraussetzung für Symbolbildung, und zugleich fand die Verarbeitung der überwältigenden Erfahrungen gerade durch Symbolbildung statt.

Zeichen und Bilder überstehen eine umwälzende Neuordnung nur, wenn sie über eine starke affektive Ladung mit hohem Spannungspotential verfügen. Dann akkumulieren sie neue Bedeutungen - und zwar auf der Basis von Ähnlichkeiten - und bilden ein erweitertes und dynamisches Bedeutungsfeld: dies Feld nenne ich ein Symbol. 

 

Warum überhaupt eine Theorie zur Entstehung von Symbolen?

Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts begann in Deutschland die Auseinandersetzung mit den Thesen von Immanuel Velikovsky (1897-1979): Er sammelte astronomische, erdgeschichtliche, archäologische und mythologische Nachweise für Großkatastrophen in historischer Zeit, ausgelöst durch Veränderungen im Planetensystem.
Daraus folgte die Notwendigkeit, unsere Geschichtsvorstellungen und die Chronologie zu revidieren.

Darüber hinaus glaubte der Psychoanalytiker Velikovsky, die Menschheit leide durch Verdrängung der furchterregenden Katastrophen an einem "kollektiven Trauma“, welches uns zwanghaft zur ständigen Wiederholung von Tötungsszenarien und selbstgemachten Großkatastrophen dränge. Diese These wurde im deutschsprachigen Raum äußerst kontrovers diskutiert. Da sie sich auf kein einziges Beispiel durchgängig anwenden ließ,  erfuhr sie ausgiebige Kritik und wurde schließlich fallen gelassen.

Dieser Prozess führte jedoch zu weiteren fruchtbaren Überlegungen und zu neuen Fragen und Lösungsansätzen für die religions- und symbolgeschichtliche Forschung.
Sprache und Bilder wurden - erstmals von Christoph Marx (Basel) und Gunnar Heinsohn (Bremen) - als jenes Reservoir gezeigt, aus dem katastrophische Handlungsmuster jederzeit abgerufen werden können.

Dabei zeigte sich, dass die herkömmliche Symboldeutung den neuen Erkenntnissen kaum gerecht zu werden vermochte, die Entstehung und Wandlung von Symbolen nicht erklären konnte und insbesondere eine geeignete Symboltheorie fehlte.

(Die Symboltheorie wurde vorgetragen 2003 im Berliner Geschichtssalon und veröffentlicht in Zeitensprünge 1/2004, 215-226.)